Sonntag, 1. Februar 2009

Veränderung von Mythen

Joachim Fernaus "Disteln für Hagen" war mir immer zu altbacken. Fernau ist mehr oder weniger vergessen.
Jetzt beschäftigt mich, wie Mythen verändert wurden bzw. neu und anders erzählt werden. In München fiel mir auf, dass die Daphne von Lüpertz dem Apoll entgegentritt und ihm den Kopf abschlägt. In der antiken Sage entzieht sie sich durch Verwandlung in einen Busch. Achternbusch lässt seinen Sisyphus sich in eine Frau verlieben, die seine Liebe erwidern wird, während 4 Sisyphus-Kinder sich am Stein abarbeiten. Die Sage über Siegfried ist vom Dichter der Nibelungenliedes kräftig umgearbeitet worden, zeigt Fernaus Buch im Einzelnen und damit ist sein Buch "Disteln für Hagen", das sich gut lesen lässt, für mich interessant. Ein Kölner Faschingslied hat auch etwas von der ursprünglichen Siegfried-Sage bewahrt, das stärkt Fernaus Glaubwürdigkeit:
"Siegfried , sät sie (eine alte Frau, "die kannt in ganz genau") ,wor zu fuul zum Lehre, Ging nor blänke, schmoore, karessere, Bis sie Vater säht: "Dat pass mer nit, Do küss mer vum Gymnasium" un dat in bei 'ne Schmid!"

Donnerstag, 8. Januar 2009

Reden ohne zu lesen

Das Buch"Reden ohne zu lesen" eines englischsprachigen Autors ist jetzt in Deutsch erschienen.

Meine Tochter hat eine Methode erfunden, mir das Lesen des fast 500 seitigen Romans "Das Museum der Unschuld" von Orhan Pamuk zu ersparen.

Ich hatte es mit allen Tricks versucht, ich fing von vorne an, ich las die letzte Seite, ich habe willkürlich Seiten aufgeschlagen und gelesen. Nirgends fand ich etwas über das Museum. Gerade das Museum hatte mich gereizt, das Buch zu kaufen.
Die Tochter las das Buch von Vorne bis Hinten und markierte die rund 20 Stellen, wo Pamuk etwas über das Museum geschrieben hat. Diese Stellen lese ich jetzt und wenn einer auftaucht, der behauptet das Buch gelesen zu haben, verstricke ich ihn ein Gespräch über das Museum der Unschuld: ausgewählte Objekte, Ort des Museums, warum Museum, was hat das Museum für eine Beziehung zur Liebesgeschichte usw.
"Ja so genau habe ich das Buch auch nicht gelesen", höre ich dann.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Noch`n Gedicht, Peter Rühmkorf

Viele glauben, der Gipfel des deutschen Humors sei bereits mit Morgenstern, Ringelnatz, Eugen Roth und Kästner besetzt. Ein neuer Dichter kann ihnen nicht das Wasser reichen.
Peter Rühmkorf war damit zufrieden, im Ringelnatz-Himmel seinen Namen auf der untersten Stufe einzuritzen.
Mit dem Ringelnatz-Preis ist ihm das m.E. gelungen. Voriges Jahr ist er gestorben und ich lese Rühmkorf, was ich auch immer bekomme. Jetzt lese ich den Gedichtband "Paradiesvogelschiß", der im Rowolt-Verlag erschienen ist.
Ich bewundere, wie locker und modern er schreibt. Er verwendet volkstümliche Ausdrücke, schreibt neudeutsch, er reimt, aber etwas hintergründig, da reimt sich nicht: ab ab , sondern: ab
cd a. Dadurch lockt er mich an, ich denke, er formuliert ganz frei, Pustekuchen. Der Reim ist nur etwas versteckt. Die Zeilen selbst sind rythmisch, selbst den Kalauer verachtet er nicht.
Schon zu viel des Rühmens, nehmen wir ein Beispiel aus dem Umschlagtext:

Also gut, gebongt. Doch halt, da sind
zweifellos noch ein paar Fragen offen
und der Dichter uns die Antwort schuldig:
Sag, wie hältst du's mit der Gegenwart?
Was, zum Beispiel, kann ich wissen?
Soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Wo die Leserschaft schon ungeduldig
mit den Wanderstiefeln scharrt.

Also es reimt sich: a b c d e f g c d am Schluß der zweiten Hälfte des Gedichts.
"Gebongt, was soll ich tun?" ist doch ziemlich volkstümlich, oder?

Montag, 3. November 2008

Hundskrüppel von Gerhard Polt

Beim ersten Mal lesen habe ich mich recht geärgert. Ich hatte den Eindruck, Polt hätte meinen Kooperator Strohhammer aus Altötting nach München versetzt. Den Strohammer kannte Polt, weil er in Altötting aufgewachsen ist. Irgendwann muß er nach München umgezogen sein, weil er in München Abitur machte. Vor kurzem erfuhr ich von meiner Schwester, dass Mamfred Ismeier, Polts bester Freund und namentlich in Hundkrüppel zitiert, ein Altöttinger ist und Polt viel mit ihm zusammen war. Kurz und gut, ich ordnete 19 Geschichten Altötting und 20 Geschichten München zu. 4 Geschichten ließen sich nicht zuordnen, weil keine Hinweise im Text enthalten sind, außerdem schienen sie mir eher aus Erwachsenensicht geschrieben wie die Geschichte "Empfehlung" und weniger aus der Sicht eines Kindes oder jungen Burschen, wie Polt sich nennt.
Aus Altötting ist mir zu Polt bekannt:
Die Polts waren in Altötting beim Onkel untergebracht, der Metzger war. Dass dessen Vater in einem Kühlschrank hauste, ist unvorstellbar, eher ging der Vater in den Kühlraum, wenn es denn einen gegeben hätte.
Sein bester Freund war der Mamfred Ismeier.
Der Mesner der Stiftskirche hätte zu ihm Hundskrrüppel gesagt, aber ihm keine Watschen oder einen Spitz gegeben.
Ich hatte Beichtunterricht beim Kooperator Strohhammer zwei Jahre vor Polt.
Zwei Hinterschwöpfinger gingen mit mir in diesselbe Klasse.
In meine Klasse ging der Flüchtling Franz März, der vielleicht einen kleineren Bruder Wolfgang hatte. Ich kann mich durchaus auch der Lichtspiele an den Ohren der "Kinderkollegen"erinnern, die eine Bank vor mir knieten.
Mein großer Bruder erzählte mir, um mich zu erschrecken, die Geschichte von der Fliege im Leichenhaus, die Polt in anderem Zusammenhang gerne erzählt. Mein Bruder behauptete stur und steif, Polt habe die Geschichte von ihm. Es ist durchaus möglich, dass mein Bruder ihn mal getroffen hat, da die Metzgerei nahe am Friedhof gelegen war und wir als Kinder , wenn es uns langweilig war, die im Leichenhaus aufgebahrten Leichen ansahen.

Dienstag, 7. Oktober 2008

555 komische Gedichte

Das Buch kostet in einer Sonderausgabe ganze 15 €. Die Autoren haben komische Gedichte aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen und in drei Kapitel gegliedert: einem harten Kern, dann ein bißchen mehr und schließlich den großen Rest in einem Humorgarten. In diesem Garten zu schlendern, bringt manch nette Überrasching; sogar Schlagern, denen ich in jüngeren Jahren ausgewichen bin, begegne ich hier: so erfahre ich, dass die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe die Helga aus Wuppertal ist. oder der alte, wettergegerbte Seebär für seine Mutter immer das kleine Baby bleibt. Viel zum Lachen und Schmunzeln. ich lese weiter, vielleicht kann ich mal eines der Gedichte für einen Stammtisch brauchen, ich muss mich allerdings davor hüten, ein Gedicht von Georg Kreisler auszuwählen, das hat , glaube ich, trotzdem es lustig daherkommt, so seine Haken.

Freitag, 5. September 2008

Stefan Zweig Sternstunden der Menschheit

Bei dem Thema "Bücher, die die Welt bewegten" fiel mir das Buch von Stefan Zweig ein "Sternstunden der Menschheit." Bei Stefan Zweig steht die Tat im Vordergrund, nicht das Wort. Hier handelt er so wie Faust: Nicht das Wort, sondern "Am Anfang war die Tat". St. Zweig beschreibt 3 Schriftsteller Tolstoi, Dostojewski und Goethe. Tostoi wird vorgeworfen, er schreibt Bücher, die viele zu revolutionären Taten inm Zarenreich anregten, aber ihnen fehlte n.M. Stefan Zweigs Tostois Tat. Tostoi will die Tat, er schreibt das Urheberrecht seiner Werke der ganzen Menschheit zu und flieht aus seiner häuslichen Umgebung. Er stirbt mit 83 Jahren , nach Meinung vieler an den Folgen einer Erkältung , die er sich auf der Flucht zugezogen hat.
Sind es die Bücher, die zur Revolution anstifteten? Ist es die Flucht, die ihren Inhalten Glaubwürdigkeit verliehen? Oder ist es Lenin, der der Russischen Revolution der Bauern und Arbeiter zum Sieg verhalf,wie es St. Zweig im letzten Beitrag des Buches beschreibt?

Marienbader Elegie ist der Titel der Geschichte über Goethe. Ich habe den Eindruck, dass es St. Zweig darum geht, dass durch die Liebe zur 19 jährigen Ulrike in Goethe viele Verkrustungen seines Lebens duch das Aufbrechen der Gefühle beseitigt wurden und er so in die Lage versetzt wurde, nach der Entsagung der Liebe sein Lebenswerk mit Faust II und Wilhelm Meisters Wanderjahren abzuschließen und so der Menschheit seine Werk als unendlichen Schatz der Dichtung und Lebensweisheit zu hinterlassen.

Dass Händel den Messias nach einer schweren Krankheit schuf , hält Stefan Zweig schon für eine Sternstunde, d.h.. für ein Geschenk an die Menschheit. Den Begriff des Buches müssen wir allerdings um die Partitur erweitern.

Stefan Zweig hat Russland, Europa, den Orient und Südamerika einbezogen, nicht nur die angloamerikanische Welt wie das Buch "12 Bücher, die die Welt veränderten." Er hat den Begriff Buch um die Partitur und das Lied erweitert. Er hat die Wirkung des Buches nicht unmittelbar gesehen, sondern überlegt: Wie erhält das Buch seine Wirksamkeit durch die Tat?

Freitag, 29. August 2008

Bücher, die die Welt bewegten

Das Buch "12 Books that changed the world" von Melvyn Bragg trägt den Untertitel
"How words and wisdom have shaped our lives" . Damit kommt der Autor etwas weg vom Begriff Buch. In seine Auswahl hat er, was ich toll finde, eine Patentschrift, eine Spielregel und einen Vertrag (Magna Charta) aufgenommen. Bei der Auswahl berücksichtigt er nur angloamerikanische Autoren, was ich ihm zugestehe, aber heutzutage doch für zu beschränkt halte. Um britisch zu bleiben, hat er die von Briten übersetzte Bibel ausgewählt. Ansonsten geht er von hehren Menschheitszielen aus: Gleichberechtigung der Frauen, sexuelle Revolution, Abschaffung der Sklaverei oder Änderungen des (westlichen) Weltbildes durch die Wissenschaftler Newton (Begründer der physikalischen Gesetze), Faraday (Wegbereiter der Elektrizität) und Darwin (Der Mensch ist nicht mehr Mittelpunkt der Schöpfung, Evolution).
Den Geistesheroen Shakespeare hat er nicht vergessen. Unser Goethe ist meiner Meinung nach gegen Shakespeare etwas schwachbrüstig und leider 150 Jahre später. Zudem wählt er Adam Smith aus, der die Grundlagen für die Ökonomie gelegt hat.
Er begründet sorgfältig seine Auswahl und zeigt die Wirkungen der Bücher über die Jahrhunderte bis zur jetzigen Zeit auf. Er macht seine Auswahlgründe transparent und erleichtert so das Nachdenken darüber, was man als Garchinger dazu meinen könnte. Viel fällt mir allerdings nicht ein, aber was wäre mit Heisenbergs Formulierung der Unschärferelation ?Oder bricht da der alte Streit mit Einstein wieder aus?